Die Antwort lautet ganz klar ja! Zwar nicht so, wie sich jeder eine Zeitreise vorstellt, mit Zeitmaschine oder – wie in der Edelstein Trilogie von Kerstin Gier – mit einem Chronographen, sondern ganz real bei uns im Moerser Schloss. Die derzeitige Sonderausstellung, zum Thema „Flucht vom Niederrhein“, macht genau das möglich.

Man bekommt die Möglichkeit, in verschieden gestalteten Nischen etwas über Moers zur NS-Zeit zu erfahren. Außerdem werden die Schicksale verschiedener, aus Moers geflüchteter, Menschen erzählt und mit Bildern oder Dokumenten untermalt. Auch Denkmäler, wie Stolpersteine und Gedenktafeln, zeugen vom Umgang mit der damaligen Zeit.

Man kann sie ganz einfach finden, wenn man aufmerksam durch die schöne Moerser Stadt läuft und den Blick auch mal auf den Boden fallen lässt. Dass es nicht immer einen respektvollen Umgang mit Minderheiten in Moers gegeben hat, hat uns der heutige Museumsbesuch mehr als deutlich vor Augen geführt.

Mit den Wahlen im Jahr 1930 fängt die Leidensgeschichte vieler Juden, Kommunisten und Zwangsarbeiter an. Sie zieht sich bis 1945. Wenn man in der heutigen Zeit aufwächst, bekommt man in der Schule zwar immer wieder vor Augen geführt, was in der Vergangenheit in Deutschland alles passiert ist, jedoch scheint dieses Wissen höchst bizarr und surreal zu sein. Das Bewusstsein, dass die Verbrechen direkt „vor der eigenen Haustür“ passiert sind, hat man trotzdem nicht wirklich entwickelt. Direkt zu Beginn der Führung durch die Ausstellung wird dies jedoch überdeutlich klar. Das Wahlergebnis der Wahlen 1930 in Moers spiegelt das gesamte Deutschlands wieder.  Mit 37% gewinnt die NSDAP. Die KPD wird mit 21% zweitstärkste Partei. Dies führt zu Straßenkämpfen zwischen den Kommunisten und den Nationalsozialisten, die damit enden, dass Moers, trotz des Widerstandes, komplett mit Fahnen der NSDAP geschmückt wurde. Die Bilder, die dazu in der Ausstellung gezeigt werden, verdeutlichen dies ziemlich eindrucksvoll. Mit dem Regime der NSDAP beginnt eine Geschichte von Verfolgung, Flucht und Tod. Vor allem die Juden wurden zur Zielscheibe der NSDAP. Die Anzahl der Juden, die in Moers leben und arbeiten durften, war schon lange vor Beginn des Nationalsozialismus, begrenzt, sodass zu Beginn der Judenverfolgung knapp 230 Juden zur jüdischen Gemeinde Moers gehörten. Von diesen 230 Juden wurden 180 zwischen 1933 und 1945 getötet. Um diesem Schicksal zu entgehen, flüchteten viele der Juden, nachdem der Antisemitismus durch die Reichspogromnacht sehr deutlich propagiert und ausgelebt wurde.

Das Schicksal einiger dieser Juden wird in der Ausstellung, die in Zusammenarbeit verschiedener Organisationen entstanden ist, erzählt und aufgegriffen. Wir, die Schüler des  Geschichtsgrundkurses in der Q2 (unter der Leitung von Frau Brand), bekamen die Chance, uns mit einem Schicksal unserer Wahl genauer auseinanderzusetzen und eine Vermisstenanzeige dazu zu verfassen. Ein Beispiel für eine Verfolgte ist Renate Chaim. Sie war bei ihrer Flucht mit ihren beiden Geschwistern gerade einmal 10 Jahre alt. Die Eltern hatten den Kindern die Chance gegeben, über einen Kindertransport legal aus Deutschland aus- und nach Belgien einzureisen. Dieser Transport begann am 12.1.1936. Das letzte, von Renate vorliegende Dokument wurde am 13.3.1939 ausgestellt. Die Familie verlor irgendwann während des Transportes den Kontakt zu ihren Kindern  und sah diese nie wieder, da sie durch die Nazis, bevor ein Wiedersehen möglich war, deportiert wurden. Für mich stellen solche Schicksale besonders deutlich dar, dass eine Wiederholung eines solchen Regimes auf jeden Fall verhindert werden muss.

Während des NS-Regimes wurden nicht nur Juden verfolgt, sondern auch Anhänger des Kommunismus. Durch die Verfolgung dieser Personengruppe entstand eine regelrechte Untergrundorganisation von Kommunisten im Ausland. Sie war so groß, dass ein Kampf im Ausland möglich war. Auch dieser Teil verdeutlicht das Ausmaß des Schreckens, den das NS-Regime verbreitet hat.

Für meinen Kurs und mich war die Exkursion in die Sonderausstellung ein sehr eindrucksvolles Erlebnis, das hervorhebt, dass die Verbrechen der Nazis nicht weit von unserer Heimat entfernt passiert sind, sondern direkt bei uns vor der Haustür. Für mich stellt die Ausstellung eine wundervolle Möglichkeit dar, sich nochmals über die NS-Herrschaft bewusst zu werden und sich vor allem mit den Opfern zu identifizieren, was die Ausstellung noch eindrucksvoller macht. Auch die gegebenen Quellen und Bildmaterialien unterstützen die Eindrücke sehr gut. Ein Besuch in der Ausstellung lohnt sich aus meiner Sicht definitiv für alle Interessierten.

Sarah Wehling Q2